Mycoterials
Pilzbasierte Materialien für eine postfossile Architektur
Vortrag und Materialpräsentation mit Petra GruberWas wäre, wenn Baustoffe nicht mehr industriell produziert, sondern zum Wachsen gebracht würden? Wenn Pilzgeflechte organische Reststoffe in leichte, stabile Materialien verwandeln könnten, die am Ende ihres Lebenszyklus wieder in biologische Kreisläufe zurückkehren? Was zunächst ungewöhnlich klingt, eröffnet neue Perspektiven für eine Architektur, die Ressourcen schont und sich von fossilen Rohstoffen löst. Die Forschung an pilzbasierten Baustoffen stellt nicht nur neue Materialien bereit, sondern wirft auch eine grundlegende Frage auf: Wie verändert sich Architektur, wenn wir Baustoffe nicht mehr nur produzieren, sondern kultivieren?
Petra Gruber, Architektin, Forscherin und international ausgewiesene Expertin für Biomimetik in der Architektur, gibt Einblick in die aktuellen Entwicklungen myzelbasierter Materialien – und zeigt im Rahmen einer Materialpräsentation, welches Potenzial in ihnen steckt.
Im Mittelpunkt steht das Myzel, das feine Geflecht, mit dem Pilze organische Substanzen durchziehen. Es kann landwirtschaftliche Reststoffe zu stabilen, leichten und biologisch abbaubaren Strukturen verbinden. Daraus entstehen sogenannte Mycelium Based Composites (MBCs), kurz Mycoterials: Materialien, die sich unter anderem für Dämmstoffe, akustische Elemente und Fassadenbauteile eignen. Was lange als experimentelles Nischenfeld galt, rückt zunehmend in den Fokus internationaler Forschungs- und Innovationsprogramme – und gewinnt auch wirtschaftlich an Bedeutung.
Während mineralische und petrochemische Baustoffe immer stärker unter Druck geraten, eröffnen myzelbasierte Systeme neue Möglichkeiten, Ressourcen zu nutzen und Materialkreisläufe zu schließen. Der globale Markt entwickelt sich dynamisch: In den Bereichen Dämmung, Innenausbau, Akustik und biobasierte Fassadensysteme entstehen neue Anwendungen und Start-ups. Gleichzeitig arbeiten Hochschulen und Forschungsinstitutionen daran, die Materialien für eine industrielle Herstellung weiterzuentwickeln.
Doch Mycoterials sind mehr als eine mögliche Alternative zu herkömmlichen Baustoffen. Sie stellen auch gewohnte Vorstellungen vom Entwerfen und Herstellen infrage. Denn wenn Material biologisch wächst, statt industriell in standardisierte Formen gebracht zu werden, verändern sich die Bedingungen architektonischer Gestaltung. Form und Zeit, Alterung und Reparatur, Herstellung und Kreislauffähigkeit müssen neu gedacht werden. Architektur wird damit nicht nur zur Frage, wie wir Materialien einsetzen, sondern auch dazu, wie wir sie entstehen lassen.
Petra Gruber ist Architektin, Forscherin und Leiterin der Abteilung für Hochbau (Department of Building Construction) an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Biologie und Kunst. International bekannt ist sie vor allem für ihre Expertise in der Biomimetik, auch Bionik genannt. In ihrer Forschung untersucht sie, wie sich Prinzipien und Erkenntnisse aus der Natur für Architektur, Konstruktion und Materialentwicklung nutzbar machen lassen.
Der Vortrag mit Materialpräsentation zeigt, wie weit die Entwicklung myzelbasierter Baustoffe bereits fortgeschritten ist – und welche Fragen noch offen sind: Welche regulatorischen Hürden müssen überwunden werden? Wie lassen sich biogene Materialien normieren? Welche Rolle können sie künftig im urbanen Bauen spielen? Und was verändert sich für die Architektur, wenn Baustoffe nicht mehr nur produziert, sondern kultiviert werden?
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei.
Es wird darauf hingewiesen, dass bei der Veranstaltung Fotos gemacht und zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Dokumentation verwendet werden.
