Rudolf Buchbinder-Saal in Grafenegg
Von der historischen Reitschule zum Konzertsaal
ORTE vor Ort-BauvisiteEs führen: Architekt Ernst Maurer und Ernst Süss, technischer Leiter der Grafenegg KulturbetriebsgmbH
Was geschieht, wenn ein historisches Gebäude eine neue Stimme erhält? Wenn Mauern, Dach und räumliche Proportionen ihre Geschichte bewahren und zugleich den Anforderungen einer zeitgemäßen Nutzung gerecht werden sollen? Der Rudolf Buchbinder-Saal in Grafenegg erzählt von einem solchen Weiterbauen. Unter der Planung von Architekten Maurer & Partner wurde die zwischen 1841 und 1845 errichtete historische Reitschule umfassend revitalisiert und in eine zweigeschossige Spielstätte für Kammermusik, Rezitale und weitere Veranstaltungsformate verwandelt.
Im Mittelpunkt des Umbaus stand eine ebenso einfache wie folgenreiche Entscheidung: Der Konzertsaal wanderte ins Obergeschoss. Damit konnte das Erdgeschoss als großzügiger, flexibel nutzbarer Foyer- und Veranstaltungsbereich neu geordnet werden. Großformatige Verbindungstüren öffnen ihn zum Auditorium und zum Schlosspark, mobile Trennwände erlauben unterschiedliche räumliche Konfigurationen. So entsteht ein Haus, das nicht nur Musik aufnimmt, sondern vielfältige Begegnungen und Veranstaltungsformen ermöglicht.
Seine besondere Atmosphäre gewinnt der Saal wesentlich aus dem Zusammenspiel von Raum, Material und Klang. Rund 4.200 Kubikmeter akustisch wirksames Raumvolumen stehen für etwa 400 bis maximal 500 Besucherinnen und Besucher zur Verfügung. Die annähernd rechteckige Geometrie, eine Breite von rund 15 Metern und eine Höhe von etwa zehn Metern am Dachscheitel schaffen einen Raum, der vor allem auf die Nähe und Differenziertheit kammermusikalischer Aufführungen, auf Solorezitals und kleinere Ensembles ausgerichtet ist.
Eine Schlüsselrolle spielt dabei das Dach. Die neue, sichtbare Zollingerkonstruktion aus ineinander verkeilten massiven Holzelementen überspannt den Saal als freitragendes, netzartiges Tragwerk. Sie greift die historische Dachform auf und übersetzt sie in eine eigenständige konstruktive Sprache. Zwischen den Holzstäben angeordnete, pyramidenförmige Elemente und ein konvexes Deckensegel gliedern die Oberflächen und unterstützen eine gleichmäßige Verteilung des Schalls. Die Raumakustik wurde von Müller-BBM Building Solutions von der Wettbewerbsphase bis zur Fertigstellung begleitet. Hier wird Konstruktion nicht bloß zur technischen Voraussetzung, sondern zum sichtbaren Bestandteil des Raumerlebnisses.
Auch nach außen sucht der Umbau den Dialog zwischen Überliefertem und Neuem. Die historische Erscheinung und Gebäudehöhe wurden wiederhergestellt, eigens nach historischen Vorgaben gebrannte Ziegel ergänzen den Bestand. Zur Parkseite öffnen großzügige Kastenfenster den Saal und stellen visuelle Verbindungen zum Schloss und zum Wolkenturm her. Ein westseitiger Neubau nimmt jene Funktionen auf, die ein heutiger Veranstaltungsbetrieb benötigt: Künstlerbereiche, Medienräume, Garderoben und Sanitäranlagen. Die historische Bausubstanz wird dadurch entlastet, ohne dass ihre Präsenz verloren geht.
Die Revitalisierung zeigt, dass Bestandserhaltung mehr sein kann als das Bewahren einer äußeren Gestalt. Sie verlangt, vorhandene Strukturen ernst zu nehmen und zugleich neue räumliche, konstruktive, akustische und technische Lösungen zu entwickeln. Dach, Innenraum, Haustechnik und Erschließung wurden aufeinander abgestimmt, damit aus einem historischen Zweckbau ein zeitgemäßer Kulturort werden konnte – und die Geschichte des Gebäudes dennoch lesbar bleibt.
Der Weg dorthin begann 2023 mit einem europaweit ausgeschriebenen, zweistufigen Wettbewerb. Im September 2024 starteten die Bauarbeiten; termingerecht zur Sommersaison 2026 wurde das Projekt fertiggestellt. Ende Mai 2026 öffnete der Rudolf Buchbinder-Saal seine Türen und ist seither Teil des regulären Veranstaltungsbetriebs in Grafenegg.
Die Bauvisite lädt dazu ein, diesen Ort nicht allein als fertige Architektur, sondern als Ergebnis vieler Entscheidungen zu entdecken. Was blieb, was wurde verändert, und wie greifen historische Substanz, Holzbau und anspruchsvolle Akustik ineinander? Vor Ort lassen sich jene Lösungen nachvollziehen, die in Plänen oft abstrakt bleiben: die räumliche Neuordnung, die Konstruktion des Daches, das Verhältnis von Innen und Außen – und die Frage, wie Architektur einen Raum für Musik schafft.
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei.
Es wird darauf hingewiesen, dass bei der Veranstaltung Fotos gemacht und zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Dokumentation verwendet werden.
