Der Ziegel: Industrie in Transformation
Vom Brennofen zur klimagerechten Architektur
Vorträge, Werksbesichtigung, BauvisiteDer Ziegel ist einer der ältesten Baustoffe Europas – und steht heute vor neuen Herausforderungen. Wie kann eine energieintensive Industrie klimaverträglicher produzieren? Welche Qualitäten bietet der Ziegel in einer zunehmend heißen Welt? Und wie lässt sich aus einem traditionsreichen Material anspruchsvolle, zeitgemäße Architektur entwickeln? In Kooperation mit der Wienerberger Österreich GmbH geht ORTE diesen Fragen nach und spannt einen Bogen von der Architekturgeschichte über den Wandel der industriellen Produktion bis zur gebauten Praxis. Mit dem Architekten, Architekturwissenschaftler und Kurator Adolf Stiller, Wienerberger-Geschäftsführer Johann Marchner und dem technischen Vermittler Sascha Träger führt der Nachmittag von neuen Perspektiven auf den Baustoff zur Werksbesichtigung. Eine Bauvisite am Bahnhof Hennersdorf mit Architekt Markus Ostertag zeigt schließlich, wie technologische Innovation und architektonische Qualität zusammenfinden.
Dass der Ziegel für diese Herausforderungen bemerkenswerte Voraussetzungen mitbringt, zeigt sich nicht zuletzt in seinen bauphysikalischen Eigenschaften. Seine thermische Speichermasse kann dazu beitragen, Innenräume auch bei Hitzewellen und immer häufiger auftretenden Tropennächten länger kühl zu halten. Seine Robustheit, Langlebigkeit und geringe Wartungsintensität machen ihn zu einem Baustoff, der auf Dauer angelegt ist. Gerade angesichts eines sich verändernden Klimas lohnt deshalb ein genauerer Blick auf seine konstruktiven und klimatischen Qualitäten – und auf die Frage, welche Rolle der Ziegel in einer zunehmend heißen Welt spielen kann.
Doch nicht nur der Klimawandel gibt Anlass, den Baustoff neu in den Blick zu nehmen. Gut gestaltete Ziegelarchitektur ist in Österreich und insbesondere in Niederösterreich ein rares Gut. ORTE und Wienerberger Österreich nehmen dies zum Anlass, den Ziegel und seine vielfältigen Möglichkeiten vor den Vorhang zu holen: als Material mit Geschichte und regionaler Verankerung, als technologisch innovatives Produkt und nicht zuletzt als Baustoff, aus dem anspruchsvolle Architektur entstehen kann.
Der Nachmittag in Hennersdorf führt bewusst durch unterschiedliche Maßstäbe und Perspektiven: Adolf Stiller, Architekt, Architekturwissenschaftler und Kurator, widmet sich in seinem Vortrag dem Ziegel im Kontext der Architekturgeschichte und der zeitgenössischen Baukultur. Ausgehend von der langen Geschichte des Materials fragt er danach, wie sich seine konstruktiven, gestalterischen und kulturellen Möglichkeiten im Wandel der Architektur verändert haben – und welche architektonischen Qualitäten der Ziegel heute entwickeln kann.
Im Anschluss geht es um die Frage, wie sich die Ziegelproduktion selbst verändert. Wienerberger Österreich arbeitet an der Dekarbonisierung seiner Produktion und erprobt neue Wege, um einen traditionell energieintensiven Herstellungsprozess klimaverträglicher zu machen. Mit dem Porotherm 25-38 Plan E wird ein CO₂-reduzierter Ziegel unter Einsatz eines elektrisch betriebenen Ofens im industriellen Maßstab hergestellt. Wie sich Elektrifizierung, Ressourceneffizienz, Digitalisierung und neue Produktionsverfahren konkret auf die Herstellung des Ziegels auswirken, wird bei der anschließenden Werksbesichtigung anschaulich vermittelt. Auch die Frage nach neuen Rohstoffkreisläufen und der Nutzung regionaler Ressourcen wird dabei eine Rolle spielen.
Auch die Rohstofffrage stellt sich neu: Wie lassen sich regionale Ressourcen besser nutzen? Welche Möglichkeiten bieten zirkuläre Produktionsweisen? Und wie können etwa Tone aus Infrastrukturprojekten oder andere Reststoffe wieder in Baustoffe überführt werden? Der Ziegel wird damit zum Beispiel dafür, wie sich ein scheinbar vertrautes Material unter den Bedingungen einer sich wandelnden Industrie neu positioniert.
Den Beweis, dass technische Innovation und architektonische Qualität zusammenfinden können, liefert schließlich der Bahnhof Hennersdorf. Der 2018 eröffnete Bau von Architekt Markus Ostertag zeigt, was Ziegel leisten kann, wenn er nicht lediglich als Fassadenmaterial eingesetzt wird. Mehr als 100.000 Klinker prägen den Bau; darunter rund 23.000 eigens entwickelte Akustik-Klinker, deren spezielle Lochung Schall absorbiert. Der Ziegel übernimmt damit zugleich eine gestalterische, konstruktive und akustische Funktion und wird selbst zum Schallschutzelement. Ergänzt wird die Fassade durch rund 81.000 Großloch-Klinker.
Die besondere Verbindung von regionaler Ziegeltradition, innovativer Produktentwicklung, Gestaltung und Schallschutz wurde auch international gewürdigt: Der Bahnhof erhielt den BigSEE Award 2020 in der Kategorie „Öffentliche Gebäude“ und wurde für den ZV-Bauherrenpreis 2019 nominiert.
Programm
14 Uhr – Begrüßung und Einführung
Johann Marchner, Geschäftsführer der Wienerberger Österreich GmbH
Ernst Pfaffeneder, Architekt und Vorsitzender von ORTE
14.30–15.15 Uhr – Vortrag
Adolf Stiller, Architekt, Architekturwissenschaftler und Kurator, langjähriger Leiter und Herausgeber der Reihe „Architektur im Ringturm“ und ausgewiesener Kenner der österreichischen und internationalen Architekturgeschichte
15.30–17 Uhr – Parallele Führungen mit Gruppenwechsel nach 45 Minuten
- Gruppe A: Bauvisite Bahnhof Hennersdorf mit Architekt Markus Ostertag, anschließend Werksbesichtigung mit Sascha Träger, technischem Vermittler bei Wienerberger Österreich GmbH
- Gruppe B: Werksbesichtigung mit Sascha Träger, technischem Vermittler bei Wienerberger Österreich GmbH, anschließend Bauvisite Bahnhof Hennersdorf mit Architekt Markus Ostertag
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei.
Es wird darauf hingewiesen, dass bei der Veranstaltung Fotos gemacht und zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Dokumentation verwendet werden.
