Wenn´s einfach geht….
Low-Tech-Sanierungsansätze für den gesamten Gebäudebestand
Vortrag und DiskussionDie Veranstaltung dreht sich um eine der zentralsten Frage unserer Zeit: Wie können wir den enormen Bestand an bestehenden Gebäuden zukunftsfähig machen, ohne Sanierung unnötig kompliziert, teuer und ressourcenintensiv zu gestalten? Gerade im Gebäudebestand liegt ein enormes Potenzial: Statt Gebäude abzubrechen und durch Neubauten zu ersetzen oder sie mit immer aufwändigeren technischen Systemen aufzurüsten, geht es darum, zunächst genau hinzusehen und die Qualitäten des Vorhandenen zu erkennen. Welche Maßnahmen sind tatsächlich notwendig? Was kann erhalten bleiben? Wo reichen einfache konstruktive Eingriffe? Und wie lässt sich mit möglichst wenig Material und Technik eine möglichst große Wirkung erzielen?
Mit dem starken Fokus auf Energieeffizienz und Technologie der letzten Jahre ist das Sanieren zunehmend aufwändig, kostenintensiv und für viele Eigentümer:innen zu einem unmöglich zu meistern scheinenden Vorhaben geworden. Hohe technische Anforderungen, komplexe Haustechnik, steigende Materialpreise und umfangreiche Nachweise können dazu führen, dass Sanierungen aufgeschoben oder überhaupt nicht umgesetzt werden. Dabei liegt gerade im Gebäudebestand ein wesentlicher Schlüssel für eine ressourcenschonende Zukunft. Jedes Gebäude, das erhalten, weitergenutzt und mit Augenmaß saniert wird, bewahrt bereits investierte Energie und Ressourcen. Gleichzeitig können leerstehende oder unzureichend genutzte Gebäude wieder aktiviert und einer neuen Nutzung zugeführt werden.
Will man die Sanierungsrate deutlich steigern und vor allem die vielen leerstehenden oder unzureichend genutzten Gebäude wieder in einen Nutzungskreislauf zurückführen, muss das Sanieren wieder unkomplizierter, leistbarer und zugänglicher werden. Es braucht Lösungen, die technisch sinnvoll, wirtschaftlich tragfähig und ökologisch verantwortungsvoll sind – und die auch von Eigentümer:innen tatsächlich umgesetzt werden können.
Hier setzt das „Einfache Sanieren“ an. Der Ansatz verbindet das Wissen aus Forschung und zeitgenössischer Architektur mit den Erfahrungen der Denkmalpflege und des traditionellen Handwerks. Nicht alles muss neu erfunden werden. Vielmehr gilt es, vorhandenes Wissen wiederzuentdecken, weiterzuentwickeln und auf die Anforderungen der Gegenwart zu übertragen. Der vielversprechende Schlüssel dazu ist ein „Zurück zum Sanieren mit Augenmaß und Gespür“: zum genauen Hinschauen, zum Verständnis für das Bestehende und zur Bereitschaft, für jede konkrete Situation eine angemessene Lösung zu suchen, statt standardisierte und maximal komplexe Systeme über jedes Gebäude zu legen. Es geht um eine Architektur und eine Sanierung, die mit weniger auskommt, ohne weniger zu leisten. Um den Mut zur Einfachheit, um Reparatur statt Austausch, um Weiterbauen statt Abriss und um die Wiederentdeckung von Materialien, Techniken und Fähigkeiten, die über Jahrhunderte entwickelt wurden.
Denn warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht?
Bei der von ORTE organisierten Veranstaltung erfahren Sie, wie es einfach geht. Ein Perspektivenwechsel ist angesagt: Nicht die maximale technische Optimierung eines Gebäudes muss das Ziel sein, sondern eine angemessene, robuste und langfristig tragfähige Lösung. Gerade angesichts der Klimakrise, steigender Baukosten und knapper werdender Ressourcen gewinnt dieser Ansatz zunehmend an Bedeutung. Als Vortragende eingeladen sind die Architektinnen Anne Niemann aus München und Johanna Digruber aus Wien, sowie der Experte für Material- und Sanierung historischer Gebäude Karl Stingl. Sie alle stehen für unterschiedliche, sich zugleich ergänzende Zugänge beim Thema der "Low-Tech- Sanierungsansätze".
Die Architektin und Forscherin Anne Niemann aus München arbeitet seit mehreren Jahren gemeinsam mit Architekt Florian Nagler an angewandten Forschungsprojekten zum „Einfachen Bauen“ und hat damit international Aufmerksamkeit erregt. Im Zentrum steht die Suche nach robusten, einfachen und materialsparenden Lösungen, die mit möglichst wenig technischem und konstruktivem Aufwand eine hohe architektonische, ökologische und wirtschaftliche Wirkung erzielen. Die Prinzipien des „Einfachen Bauens“ wurden zuletzt konsequent auf den Bestand und das Umbauen übertragen. Dabei konnte eindrucksvoll demonstriert werden, dass auch bei der Sanierung eine deutliche CO₂-Reduktion möglich ist, ohne zwangsläufig immer komplexere technische Systeme einzusetzen und die Kosten dadurch weiter in die Höhe zu treiben.
Die in Wien und Mitterbach ansässige Architektin Johanna Digruber hat bereits einige Sanierungsprojekte in ihrem Portfolio und ist die Initiatorin des Pilotprojekts Handwerk & Baukultur. Mit dem Ziel der nachhaltigen ländlichen Entwicklung und der Förderung regionaler Baukultur wird unter anderem das (Wieder-)Etablieren von Handwerkerhöfen angestrebt. Sie wird über die Zusammenhänge von Sanierung, Handwerk und Baukultur sprechen. Wie erkennt man die Qualitäten von Bestandsgebäuden? Welche Qualitäten gibt es? Welche Maßnahmen sind zu setzen, will man ein Gebäude sensibel umbauen, sanieren oder weiterbauen? Wie entscheidet man, was erhalten bleiben soll / muss und was möglicherweise abgetragen werden kann und warum? Welche Rolle spielen Handwerker:innen? Welche Rolle spielen Eigentümer:innen und Architekt:innen?
Abschließend wird Karl Stingl, seit über 25 Jahren in der Schulung, als Seminarleiter und Vortragender am Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege (IWBZ) des Bundesdenkmalamts – Kartause Mauerbach tätig, Praxisbeispiele vorstellen. Wie kann man bspw. Feuchtigkeit, Wärmeschutz, Schallschutz, Brandschutz etc. mit einfachen Lösungen in den Griff bekommen? Auch die richtige Pflege und Wartung sind ein wichtiger Faktor für die Langlebigkeit eines Gebäudes. Letztere ist jedenfalls anzustreben, will man die Kosten für Instandsetzung im gesamten Lebenszyklus so niedrig wie möglich halten.
Die Denkmalpflege verfügt über einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit bestehenden Gebäuden. Reparieren statt Ersetzen, Weiterverwenden statt Wegwerfen, der Einsatz bewährter regionaler Materialien und handwerklicher Techniken sowie ein genaues Verständnis für die Eigenschaften eines Bauwerks gehören seit jeher zu ihrem Selbstverständnis. Dieses Wissen gewinnt angesichts der aktuellen Herausforderungen eine neue und weit über den Denkmalschutz hinausgehende Bedeutung.
ORTE freut sich über die Kooperation mit dem Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege des Bundesdenkmalamts in der Kartause Mauerbach, in der das Wissen um historische, traditionelle Handwerks-Techniken und Baumaterialien seit über 40 Jahren erforscht und in Kursen an Fachleute aus Handwerk, Restaurierung, Architektur, Planung und Denkmalpflege weitergegeben wird.
Das IWBZ-Baudenkmalpflege Kartause Mauerbach wird von Astrid Huber-Reichl geleitet, die dankenswerterweise auch eine Führung durch die Kartause mit Schwerpunkt traditionelle Handwerkstechniken anbieten wird.
Programm:
ab 16 Uhr:
Ankommen, Möglichkeit zur Besichtigung der Sammlungen, Führung
17:00 - 17:15 Uhr:
Begrüßung von Astrid Huber-Reichl und ORTE
17:15 - 18:50 Uhr:
Vortrag Anne Niemann
Vortrag Johanna Digruber
Vortrag Karl Stingl
18:50 - 19:30 Uhr:
Gespräch mit Publikum | Diskussion
Programmänderungen vorbehalten.
Um Anmeldung unter https://forms.gle/oDkSAWVbXntUjQcy5 wird gebeten.
Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenfrei.
Es wird darauf hingewiesen, dass bei der Veranstaltung Fotos gemacht und zum Zweck der Öffentlichkeitsarbeit sowie der Dokumentation verwendet werden.
