Zweitwohnsitze: Zwischen Freiheit, Flächenverbrauch und kommunaler Verantwortung
Tagungsreport zum ORTE-Symposium „Zweitwohnsitze. Fluch oder Segen für den ländlichen Raum?“ | 15.–16.10.2026 | Schloss Reichenau an der Rax
Nachbericht
Ein beleuchtetes Fenster am Wochenende, ein verschlossenes Haus unter der Woche, steigende Immobilienpreise und ein Dorfzentrum, in dem immer weniger Menschen ganzjährig leben: Zweitwohnsitze prägen viele ländliche Regionen – und werfen grundlegende Fragen auf. Wem gehört der Ort? Wer kann es sich leisten, hier zu leben? Und wie viel zeitweilige Nutzung verträgt eine Gemeinde, ohne ihre eigene Lebendigkeit zu verlieren?
Zwei Tage lang widmete sich das ORTE-Symposium „Zweitwohnsitze. Fluch oder Segen für den ländlichen Raum?“ diesen Fragen. Auf Schloss Reichenau an der Rax trafen kommunale Erfahrungen auf raumplanerische und juristische Perspektiven, rechtsphilosophische Überlegungen auf architektonische Analysen und persönliche Geschichten auf politische Zielkonflikte.
Dabei wurde schnell deutlich: Der Zweitwohnsitz ist nicht einfach das Problem. Er kann leer stehende Gebäude wiederbeleben, regionale Betriebe stärken und Menschen mit einem Ort verbinden. Er kann aber auch Wohnraum verknappen, junge Familien verdrängen, Infrastruktur verteuern und aus gewachsenen Dörfern Kulissen machen, die vor allem in der Ferienzeit funktionieren. Zwischen Revitalisierung und Verdrängung, persönlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung verläuft eine Grenze, die sich nicht mit einer einzigen Prozentzahl bestimmen lässt.
Wie unterschiedlich die Auswirkungen sein können, zeigten die Beispiele aus Reichenau an der Rax, Seewalchen am Attersee, den alpinen Tourismusregionen und Gmunden. Sie machten ebenso deutlich, wie schwierig es für Gemeinden ist, die tatsächliche Nutzung von Immobilien zu kontrollieren und rechtliche Vorgaben durchzusetzen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Entwicklung politisch gewollt ist: Denn wie sich ein Ort verändert, ist nicht allein das Ergebnis des Immobilienmarktes, sondern auch eine Folge planerischer Entscheidungen.
Doch was macht einen Ort eigentlich lebenswert? Sind es die Landschaft, die Architektur und das eigene Haus im Grünen – oder nicht ebenso die Menschen, die hier wohnen, die Nahversorgung, die Vereine und die sozialen Beziehungen, die einen Ort das ganze Jahr über tragen? Die Beiträge des Symposiums lenkten den Blick auf diese Zusammenhänge und zeigten, dass ökologische Qualität allein noch keine soziale Nachhaltigkeit garantiert. Auch ein sorgfältig revitalisiertes Gebäude beantwortet nicht automatisch die Frage, wem der geschaffene Wohnraum zugutekommt.
Dass Zweitwohnsitz und Gemeindeleben kein Widerspruch sein müssen, zeigte das Beispiel aus Prigglitz: Wer Bestehendes nutzt, Zeit vor Ort verbringt, lokal einkauft und sich in die Gemeinschaft einbringt, kann Teil der Entwicklung eines Ortes werden. Dafür braucht es allerdings nicht nur die Bereitschaft der Einzelnen, sondern auch Gemeinden, die Begegnung, Beteiligung und Mitgestaltung ermöglichen.
Am Ende steht deshalb weniger die Frage, ob Zweitwohnsitze Fluch oder Segen sind, als jene nach dem richtigen Maß und den politischen Rahmenbedingungen. Wie lassen sich leistbarer Wohnraum, eine lebendige Ortsmitte, eine funktionierende Infrastruktur und das Recht auf individuelles Eigentum miteinander vereinbaren? Und wie kann eine Gemeinde selbst bestimmen, für wen und wie sie sich weiterentwickelt? Das Symposium suchte keine einfachen Antworten. Es zeigte vielmehr, dass die Zukunft des ländlichen Raums dort entschieden wird, wo Boden nicht nur als Immobilie, sondern als begrenzte Ressource und gemeinsamer Lebensraum verstanden wird.
Im schönen Ambiente des Schloss Reichenau an der Rax findet im Oktober eine zweitägige Veranstaltung rund ums Thema Zweitwohnsitz statt, die sich insbesondere an Vertreter:innen aus Politik und Verwaltung in Gemeinden und beim Land NÖ richtet.
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