Die Justizanstalt Stein ist nicht nur Österreichs größte Strafvollzugsanstalt für den Vollzug längerer Haftstrafen – von 18 Monaten bis lebenslänglich –, sondern auch ein außergewöhnliches architektonisches und zeitgeschichtliches Dokument. An dem über Jahrzehnte gewachsenen, immer wieder veränderten Gebäudekomplex lässt sich exemplarisch ablesen, wie Architektur auf gesellschaftliche, institutionelle und funktionale Veränderungen reagiert – und wie komplex der Umgang mit einem derart belasteten und zugleich architektonisch bedeutenden Bestand ist.
Über fast zwei Jahrhunderte wurde die Anlage immer wieder erweitert, umgebaut und an veränderte Anforderungen des Strafvollzugs angepasst. Ihre Gebäude machen damit sichtbar, wie sich unterschiedliche gesellschaftliche Vorstellungen, institutionelle Rahmenbedingungen und architektonische Konzepte in einen Bestand einschreiben. Gerade dieser fortwährende Wandel macht die Justizanstalt zu einem bemerkenswerten Beispiel für das Weiterbauen und die Transformation bestehender Architektur – zugleich aber auch zu einem Ort, dessen Geschichte von Gewalt und Verbrechen geprägt ist.
Das 1843 erbaute Redemptoristinnenkloster wurde bereits 1850 vom Staat gekauft und zum Gefängnis umgebaut. Mit einem „Fassungsvermögen“ von 150 Sträflingen nahm die Anstalt ihren Betrieb auf. Von 1871 bis 1873 entstand ein neues Zellengefängnis mit 348 Zellen. Anlass dafür war ein neues Gesetz, das die Unterbringung der Gefangenen in Einzelzellen vorschrieb. Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde als vierflügeliger Sterntrakt nach dem Pennsylvanischen System konzipiert. Die Zellen wurden in einem viergeschoßigen, von oben belichteten Luftraum über offene Mittelgänge erschlossen und waren als eine Art innerer Laubengang mit kunstvoll gestalteten Gusseisenkonstruktionen ausgeführt.
Während die Zellentrakte im Außenbereich über die Jahre kaum verändert wurden, musste die Anlage im Inneren immer wieder an neue Anforderungen des Strafvollzugs angepasst werden. Der größte Einschnitt war das Schließen der Lufträume zwischen den Laubengängen – eine Maßnahme, die aus Vollzugsgründen notwendig geworden war. Die ursprüngliche räumliche Struktur ist heute nur noch anhand der im Fußboden eingelassenen Glasfelder zu erahnen. Ein weiterer Eingriff in die historische Substanz war die Errichtung eines verglasten zentralen Aufsichtsturms im Zentraltrakt. Er vergrößerte die räumliche Distanz der Justizwachebeamten zu den Insassen und damit auch die Distanz auf persönlicher Ebene. Auch an anderen Stellen des weitläufigen Geländes wurde im Laufe der Zeit immer wieder um- und ausgebaut. Neue Wirtschafts- und Werkstättengebäude kamen hinzu und veränderten die Anlage entsprechend den jeweiligen Anforderungen.
Eine besonders dunkle Zäsur in der Geschichte der Anstalt ereignete sich kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Von den rund 2.000, großteils politischen Häftlingen wurde ein Teil massakriert und hingerichtet. Bereits entlassene Gefangene wurden von SS-Streifen, Gendarmerie und Privatpersonen gejagt und erschossen. Die Ereignisse gingen als „Kremser Hasenjagd“ in die Geschichte ein und machen Stein auch zu einem bedeutenden Erinnerungsort der österreichischen Zeitgeschichte.
Heute umfasst die Justizanstalt Stein fast 66.000 m² und ist für rund 800 männliche Strafgefangene ausgelegt. Neben dem Strafvollzug stehen den Insassen Arbeitsplätze in 28 Werkstätten, darunter Schlosserei und Tischlerei, verschiedene Lehrausbildungen, schulische Weiterbildung, soziales Training, Group Counselling und Therapiegruppen zur Verfügung.
Die Anlage ist weit mehr als ein historisches Gefängnisgebäude. Sie ist gebautes Dokument des fortlaufenden Wandels: Ihre Architektur erzählt nicht nur von unterschiedlichen Epochen, sondern auch von den gesellschaftlichen und institutionellen Vorstellungen, die sich in ihr eingeschrieben haben.
Veranstaltung exklusiv für ORTE-Mitglieder mit aufrechter Mitgliedschaft 2027!
Limitierte Teilnehmer:innenzahl!
Der Gefängnisrundgang ist nicht barrierefrei und setzt uneingeschränkte Gehfähigkeit voraus, um im Alarmfall das Areal schnellstmöglich verlassen zu können!
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Gefängnis und Garage
Essay
Die Publizistin Isabella Marboe nähert sich in ihrem Essay „Gefängnis und Garage“, entstanden im Rahmen des ORTE-Schreibworkshops „Schreib mir die Stadt“, der Justizanstalt Krems-Stein aus einer persönlichen und poetischen Perspektive. Zwischen Architektur, Geschichte und Stadtraum entsteht eine ungewöhnliche Betrachtung eines Ortes, an dem Freiheit, Erinnerung und Grenzen aufeinandertreffen.
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